Wie die Kraft der Berge in die Batterien kommt

Die Wasserkraft ist die wichtigste Energiequelle der Schweiz. Sie macht den Strommix hierzulande einzigartig nachhaltig. Eine Reportage aus den Stollen zwischen Grimsel und Susten.

Von Max Fischer (Text) und Stefan Bohrer (Fotos)

Andi Schläppi, gebürtig von Guttannen und heute zu Hause in Innertkirchen, liebt sein Haslital im Berner Oberland. Die bodenständigen Menschen, die dort leben. Und die Natur mit ihrer imposanten Bergwelt mit Grimsel und Susten, den hochragenden Felswänden. Eine Welt der Wasserkraft, der Wasserfälle, der Berg- und Stauseen.

Der Oberaarsee unterhalb des Oberaargletschers ist der höchstgelegene Stausee im Quellgebiet der Aare in der Grimselwelt.
Der Oberaarsee unterhalb des Oberaargletschers ist der höchstgelegene Stausee im Quellgebiet der Aare in der Grimselwelt.

Der 36-jährige gelernte Elektromonteur arbeitet seit zehn Jahren bei den Kraftwerken Oberhasli KWO im Wasserschloss der Schweiz, aktuell als Leiter Inspektion Produktion Susten. Er ist fasziniert von der Mischung aus Natur und Technik: «Es ist toll, wenn man vor der Haustüre in einer solch urwüchsigen Landschaft einen nicht alltäglichen Job machen darf.» Er strahlt.

Die KWO sind fast wie siamesische Zwillinge mit der Bergwelt im Oberhasli verbunden. Nur hier sind die natürlichen Voraussetzungen gegeben. Hier ist reichlich Wasser von Schnee, Gletschern und Regen vorhanden. Hier stimmen Geologie und Fallhöhen. Der höchste Punkt ist mit 4274 Metern über dem Meer das Finsteraarhorn, der tiefste Innertkirchen mit 622 Metern. Der Höhenunterschied gibt dem Wasser die Kraft, um die riesigen Turbinenräder anzutreiben und so Energie zu erzeugen.

160 Kilometer Stollen im Granit

Weitsichtige Pioniere erkannten schon 1908 das riesige Potenzial der Wasserkraft in diesem Bergmassiv. Bereits 1925 begannen sie mit dem Bau des ersten Stausees mit der damals höchsten Staumauer der Welt – ohne Computer und moderne Bohrer.

Andi Schläppi beim Kontrollgang auf der Staumauer des Oberaarsees.
Andi Schläppi beim Kontrollgang auf der Staumauer des Oberaarsees.

«Heute beliefern wir 1,2 Millionen Menschen mit Strom», sagt Andi Schläppi. «Mit erneuerbarer Energie», fügt er stolz an. Die KWO liefern die Hälfte ihres Stroms an die BKW, den Rest zu gleichen Teilen an die Industriellen Werke Basel (IWB), Energie Wasser Bern (EWB) und das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ).

Andi Schläppi kennt 160 Kilometer Stollen im Granitgestein von Grimsel und Susten. Er kriecht, geht und fährt durch Röhren und Tunnels, schaut ob an den Turbinen und Pumpen alle Schrauben fest sitzen, räumt Dreck weg. «Wir schaufeln auch mal Schnee weg», sagt er. Jeder helfe jedem. Ein Mechaniker greife auch mal zum Pinsel, damit ein Termin eingehalten werden könne. «Und heute ist alles digitalisiert», sagt er. Das erleichtere die Arbeit enorm. Früher hätten langjährige Mitarbeiter jeden Winkel in ihrem Kopf präsent gehabt. Bei der heutigen Fluktuation ginge das nicht mehr. «Da würde zu viel Know-how verloren gehen.»

Tief im Innern des Bergmassivs: Schläppi kennt jeden Winkel der 160 Kilometer langen Stollen.
Tief im Innern des Bergmassivs: Schläppi kennt jeden Winkel der 160 Kilometer langen Stollen.

Er weist auf den Fachkräftemangel hin. Nicht jeder wolle im entlegenen Haslital arbeiten. Zwar seien die Zeiten vorbei, wo man in schneereichen Wintern tagelang von der Umwelt abgeschnitten gewesen sei: «Höchstens während ein, zwei Tagen.» Er lacht: «Das waren früher die tollsten Feste in Guttannen, wenn wir mal eine Woche eingeschneit waren.»

Die KWO sind mit 290 Vollzeitstellen (418 Mitarbeitende) und 223 Lehrstellen einer der wichtigsten Arbeitgeber im Haslital. Und sie bilden für den Tourismus einen wichtigen Trumpf. «Die KWO ist nicht nur ein Kraftwerk», so Schläppi. «Wir unterhalten auch Hotels wie das Alpinhotel Grimsel Hospiz, Bahnen wie die steilste offene Standseilbahn Europas zum Gelmersee sowie die touristische Plattform Grimselwelt.»

Für ihn ist klar: «Die KWO kann im Gegensatz zu anderen Firmen ihre Produktion nicht einfach zügeln. Wir sind auf diese Region angewiesen, wir müssen sie attraktiv halten.»

1300 Wasserkraftwerke liefern 57 Prozent des Stroms

Die Schweiz bietet dank ihrer Topografie und den beträchtlichen durchschnittlichen Regenmengen ideale Bedingungen für die Nutzung von Wasserkraft. Nachdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Ausbau begonnen hatte, setzte zwischen 1945 und 1970 eine eigentliche Blütezeit ein, während der im Unterland zahlreiche neue Laufkraftwerke und auch die grössten Speicheranlagen erstellt wurden.

Blick auf die gigantische Staumauer vom Berghaus Oberaar aus.
Blick auf die gigantische Staumauer vom Berghaus Oberaar aus.

Andi Schläppi ist es gewohnt, unter Tag zu arbeiten.

Noch zu Beginn der 70er-Jahre stammten fast 90 Prozent der inländischen Stromproduktion aus Wasserkraft. Durch die Inbetriebnahme der schweizerischen Kernkraftwerke ging der Anteil bis 1985 auf rund 60 Prozent zurück. Heute liegt er nach Auskunft des Bundesamtes für Energie bei etwa 57 Prozent. Das heisst: Nach wie vor ist die Wasserkraft mit 1300 Wasserkraftwerken unsere wichtigste einheimische Quelle erneuerbarer Energie.

Bei der Wasserkraft wird zwischen der Grosswasserkraft und der Kleinwasserkraft unterschieden. Dabei werden Wasserkraftwerke mit einer Leistung unter 10 Megawatt als Kleinwasserkraftwerke bezeichnet. Die Grosswasserkraftwerke werden weiter in Laufwasserkraft, Speicherwasserkraft und Pumpspeicherkraft unterteilt.

Laufwasserkraftwerke liegen an Flüssen und Bächen. Sie nutzen das zufliessende Wasser und produzieren dauernd, allerdings mit starken saisonalen Schwankungen. Speicherkraftwerke können ihre Produktion dem tagesaktuellen Bedarf anpassen – und damit wertvolle Spitzenenergie erzeugen. Sie liegen meist in den Alpen, können das Wasser in den Speicherseen zurückhalten und es bei erhöhtem Energiebedarf für die Stromproduktion entnehmen. Ein Teil der Speicherkraftwerke ist als Pumpspeicherkraftwerke gebaut.

Andi Schläppi erklärt: «Sie verfügen im Unterschied zu reinen Speicherkraftwerken nicht nur über einen oberen Speichersee, sondern auch über ein unteres Wasserbecken.» Von dort könne bereits gebrauchtes Wasser wieder in den oberen See gepumpt werden.

Für ein stabiles Stromversorgungssystem seien sie von entscheidender Bedeutung.  

Produktion und Verbrauch müssen jederzeit übereinstimmen. Wenn im Winter in Nordeuropa der Wind innert kurzer Zeit stark zunimmt, kann die Produktion sehr bald die Nachfrage deutlich übersteigen. Denn gewisse Kraftwerkarten wie Kohlekraftwerke können ihre Produktion nicht genügend rasch anpassen. Durch die Überproduktion sinken im Strommarkt die Preise. Nimmt nach Stunden oder Tagen der Wind wieder ab, entsteht die umgekehrte Situation: Jetzt ist es schwierig, alle benötigten Kraftwerke rasch wieder hochzufahren. Pumpspeicherkraftwerke verwerten den überschüssigen Strom. Der volkswirtschaftliche Nutzen kommt allen zugute. Es spielt deshalb keine Rolle, dass 25 Prozent der Energie durch das Hochpumpen des Wassers verloren geht.

Andi Schläppi erinnert daran, dass die KWO im Januar und Februar des letzten Jahres fast alle acht Stauseen entleeren mussten, damit sie das Stromnetz in der Schweiz und Europa weiter mit Energie versorgen konnte. Zum Vergleich: 195 Millionen Kubikmeter Wasser kann die KWO in den acht Speicherseen lagern. Das entspricht der gleichen Menge Wasser, die knapp vier Millionen Einwohner der Schweiz pro Jahr im eigenen Haushalt verbrauchen.

Die Konkurrenz verbrennt Kohle

Trotzdem hat Wasserkraft zurzeit einen schweren Stand, weiss Andi Schläppi. Die immer noch zahlreichen ausländischen Kohlekraftwerke stellen Strom zu äusserst tiefen Preisen her. Das Bundesamt für Energie hat ausgerechnet, dass die Erlöse aus der Wasserkraft von Speicherseen seit 2011 von rund 7 auf unter 5 Rappen für eine Leistung von 1000 Watt pro Stunde gesunken sind.

Die prekäre Situation wird sich noch verschärfen, wenn in der Schweiz Mühleberg als erstes Kernkraftwerk vom Netz geht. Für Schläppi heisst das: «Wir müssen künftig mehr Stauseen als Speicher haben, um die Schwankungen auszugleichen.» Und auch wenn der Anteil an Elektrofahrzeugen von heute knapp vier Prozent in den nächsten Jahren wie angestrebt stark zunimmt, ist zusätzliche erneuerbare Energie gefragt.

Dem aufmerksamen Auge von Andi Schläppi entgeht bei dei den Unterhaltsarbeiten nichts.
Dem aufmerksamen Auge von Andi Schläppi entgeht bei dei den Unterhaltsarbeiten nichts.

Das hat auch der Bund erkannt. Mit der Energiestrategie 2050 will er die durchschnittliche Jahresproduktion von Elektrizität aus Wasserkraft mit verschiedenen Massnahmen fördern und von heute 36’500 auf 38’600 Gigawattstunden (GWh) steigern. Bestehende Werke sollen erneuert und ausgebaut, neue Wasserkraftwerke realisiert werden.

Prüfstein für die Energiewende

Doch das Beispiel Grimsel zeigt, dass dies nicht immer ganz einfach ist: Die Erhöhung der Grimsel-Talsperre wird zum Prüfstein für die Energiewende in der Schweiz. «Die KWO wollen die beiden Talsperren Seeuferegg und Spitallamm um 23 Meter erhöhen», sagt Schläppi. So würde das Stauvolumen des Grimselsees vom heute 95 auf 170 Millionen vergrössert. Allein mit diesem Projekt würde man 20 Prozent des gesamtschweizerischen Ausbaupotenzials in die Tat umsetzen.

KWO-Techniker Andi Schläppi vor dem Eingang zur Staumauer des Oberaarsees.
KWO-Techniker Andi Schläppi vor dem Eingang zur Staumauer des Oberaarsees.

Weil aber das Schwemmland des Unteraargletschers zum Teil überflutet würde, bekämpfen Umweltverbände den Ausbau seit Jahren. Zwar hat diesen Sommer das Verwaltungsgericht des Kantons Bern die Erhöhung der Staumauer für zulässig erklärt. Doch zwei Umweltverbände haben sofort wieder eine Beschwerde ans Bundesgericht eingereicht.

Doch die Zeit eilt: Ende dieses Jahres geht das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz. Und bis 2022 wird Nachbar Deutschland die letzten AKW abschalten und die Stromproduktion wird besonders im Winter sinken. Im Juni begannen auf dem Grimsel die Bauarbeiten für eine neue Staumauer am Grimselsee als Ersatz für die 114 Meter hohe Spitallamm-Talsperre. Diese stammt aus den 30er-Jahren, ist sanierungsbedürftig und hätte mit dem jetzt verzögerten Erhöhungsprojekt verstärkt werden sollen.

«Winterbatterie»-Projekt an der Stelle des Gletschers

Das ist nicht alles: «Das zweite Grossprojekt der KWO ist das am weitesten fortgeschrittene Bauvorhaben für einen neuen Stausee in der Schweiz», sagt Schläppi. Auf seinem Rückzug hat der Triftgletscher eine Mulde freigegeben. Dort soll eine 167 Meter hohe Staumauer entstehen, um das bisher nur in einem Laufkraftwerk genutzte Wasser künftig zu speichern und in den Winter verlagern zu können. Ein neuer See mit 85 Millionen Kubikmetern Inhalt kann als «Winterbatterie» 215 GWh Strom speichern.

Der Mix aus Natur und Technik fasziniert KWO-Mitarbeiter Schläppi.
Der Mix aus Natur und Technik fasziniert KWO-Mitarbeiter Schläppi.

Beim Treffpunkt mit Andi Schläppi ist es auf 2200 Metern über Meer auf der Grimselpasshöhe bereits 22 Grad. Wie beschäftigt ihn der Klimawandel? «Wir müssen langfristig, also die nächsten 30, 40 Jahre beobachten, wie sich die Niederschläge entwickeln. Und entsprechende Speicherkapazitäten bauen, damit wir mehr Wasser vom Sommer in den Winter einlagern und für die Stromproduktion einsetzen können.» Dem Grimselsee fliesse heute schon mehr Wasser zu, als er fassen könne. Andy Schläppi sagt: «Der Klimawandel ist sicher nicht nur das Problem der Haslitaler.»

Hier tanken Sie gratis Natur-Power

Die Grimselwelt verfügt neu über insgesamt sieben Möglichkeiten gratis und rund um die Uhr Elektroautos mit Strom aus Wasserkraft aufzuladen:

  • Grimsel-Hospiz (3 Ladestationen, Sommer 2019 nicht erreichbar)
  • Hotel und Naturresort Handeck
  • Gerstenegg am Stollenportal
  • KWO-Firmensitz in Innertkirchen
  • Grimseltor im Dorfzentrum von Innertkirchen.


Weitere Informationen: https://www.grimselwelt.ch/

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